Schönheit im Wandel der Zeit

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Was ist Schönheit? Wer bestimmt, was als schön gilt? In der heutigen Zeit scheint es, als wäre unser Schönheitsideal universell und zeitlos. Also wäre es schon immer so gewesen. Aber das ist historisch betrachtet schlicht und einfach falsch. Unser heutiges Schönheitsideal wird bestimmt von sogenannten Beautymedien, von Firmen, die versuchen, ihre Produkte zu verkaufen und durch selbst ernannte Koryphäen und Influenzer. Wie stark sich der Begriff der weiblichen Schönheit im Laufe der Menschheitsgeschichte verändert hat, versuchen wir hier kurz zu erörtern. Wenn Sie also das Gefühl haben, dass Ihr Körper nicht perfekt ist, nicht schön im heutigen Sinne des Wortes, denken Sie daran, dass “Schönheit” ein kurzlebiges Ideal ist, das sich Generation für Generation ändert. So etwas wie universelle Schönheit gibt es nicht.

Schönheitsideal im Paläolithikum

Fast jede*r hat wohl schon einmal die Venus von Willendorf gesehen. Die kleine, primitive Statue einer Frau wurde vor rund 23 ooo Jahren gefertigt und gilt als ältestes Idealbild einer Frau oder Fruchtbarkeitsgöttin. Große Brüste, breite Hüften und ein offenbar gut genährter Bauch zeichnen dieses Kunstwerk aus. Diese sicher übertriebenen Merkmale werfen ein Licht auf das, was in dieser frühen Zeit der Menschheitsgeschichte attraktiv war: Üppig und gut genährt als Überlebensmerkmal. Die Frauen dieser Zeit mussten stark sein, über ausreichend Reserven verfügen, um Kinder gebären und ernähren zu können. Das sprach die Männer dieser Zeit sicher mehr an, als ein zierliches, schmales Mädchen, das bei einer Geburt kaum eine Chance hatte zu überleben. Das Gesicht war offensichtlich zweitrangig.

Venus von Willendorf, Quelle: Wikimedia

Das antike Griechenland

Die antiken griechischen Künstler waren die ersten, die lebensnahe Statuen schufen. Zwar sehen diese Meisterwerke der Bildhauerkunst fast aus, als wären es tatsächliche Personen, doch man kann getrost annehmen, daß die Künstler die in ihren Augen perfekten Schönheitsideale der Zeit versucht haben einzufangen. Doch sie gingen sogar noch weiter. Sie weiteten den Schönheitbegriff literarisch aus und versuchten, philosophische Erklärungen für Schönheit zu finden und diese damit zu definieren. Der berühmte Philosoph Platon und der Mathematiker Pythagoras zum Beispiel schufen eine “Goldene Regel”, um Schönheit und Attraktivität in Gesichtern und in der Natur zu definieren. Das Pythagoreische Theorem besagt in aller Kürze, daß das Gesicht einer Frau zwei Drittel so breit wie lang sein sollte, um als “schön” zu gelten, aber nur solange beide Gesichtshälften absolut symmetrisch sind.

Diese Symmetrie kann man in den meisten griechischen Statuen wiederfinden. Es waren im Grunde genommen die Versuche, dieses Theorem als Idealbild bildlich darzustellen, auf der Suche nach der größtmöglichen Schönheit, gehauen in Stein. Sie zeichnen sich durch kleine, aber wohlgeformte Brüste aus, einer Bauchwölbung und breiten Hüften. Die Römer übernahmen diese Schönheitsideale weitestgehend.

Lely Venus, Kopie einer griechischen Statue, Quelle: Wikipedia

Das Mittelalter

Das Schönheitsideal im Mittelalter wurde äusserst stark vom christlichen Glauben beeinflusst. Äußerlichkeiten und Prunk galten eher als unschicklich und unerwünscht. Der bekannteste Lyriker dieser Zeit, Walther von der Vogelweide, beschrieb die schöne Frau als vor allem ansehnlich, aber schmucklos. Und diese Ansehnlichkeit war genau definiert: Volle rote Lippen, kleine apfelförmige Brüste, ein knabenhafter Körper, milchweiße Haut, rote Wangen, rundes Kinn und feine Brauen, dazu natürlich lange blonde Locken. Es war ein Ideal, das sich am genauen Gegenteil der bäuerlichen Bevölkerung orientierte.

Hl. Margarethe von Martin Schongauer, 15. Jhd., Quelle: Zeno.org

 

Die Renaissance

Die Künstler der Renaissance wollten sich von der Bescheidenheit und den strengen religiösen Werten des Mittelalters entfernen, und auch von dem damals vorherrschenden Schönheitsideal. Die idealisierten Frauen von Künstlern wie z. B. Raffael waren gewöhnlich kurvig, blass, aber mit leicht geröteten Wangen und weichen, runden Gesichtern. Raffael gab zu, dass die meisten seiner Bilder nicht auf echten Modellen basierten, sondern lediglich, wie er sich eine schöne Frau vorstellte. Dies traf für viele Maler zu. Mit der Renaissance begann ein Übergang – von Frauen einfach als Objekte der Fruchtbarkeit zu betrachten, zu Objekten der Lust und Schönheit. Um dieses Ziel zu erreichen, griffen die Damen dieser Zeit, zumindest diejenigen, die es sich leisten konnten, ganz tief in die Schminkkiste und Puderdose. Dies gipfelte in den grotesk anmutenden, aufgemalten Gesichtern der adeligen Frauen vor der Französischen Revolution.

St. Catherine, Raffael, Quelle: Wikimedia

Die Viktorianische Ära

In der Zeit der britischen Königin Victoria, 1837-1901, war ein blasser, zarter und schwacher Anblick der letzte Schrei. Kein besonderer Körperteil wurde betont, Hauptsache die Frau sah möglichst zerbrechlich aus. Das sprach natürliche in erster Linie das Bedürfnis der Männer an, die Frauen “unter ihren Schutz” zu stellen und sich dadurch als stark und besonders männlich zu fühlen. auch das Make-up der Zeit war auch unglaublich gefährlich. Blei, Ammoniak, Quecksilber und Nachtschatten waren übliche Zutaten. Und die Frauen waren sich der Auswirkungen dieser Gifte nicht völlig bewusst. Frauen waren einfach bereit, sich selbst zu vergiften, um “schöner” auszusehen.

Victoria und Cousine, Franz Xaver Winterhalter 1852, Quelle: Wikipedia

Die Jahrhundertwende

In den 1890er Jahren entstand das Bild des “Gibson Girls”, welches das Idealbild in Mode und Schönheit bis zum Ersten Weltkrieg maßgeblich prägte. Der Illustrator Charles Dana Gibson zeichnete ein Bild, dem erst in den USA, später auf der ganzen Welt nachgeeifert wurde. Es ist der Typus der sportlichen und sehr selbstbewussten jungen Dame der Oberschicht, die mit den an sie gestellten Erwartungen (wozu selbstverständlich das Eingehen einer vorteilhaften Ehe gehörte) in souveräner Weise umzugehen weiß. Äußerlich sind die Gibson-Girls gekennzeichnet durch eine modisch aufgetürmte Frisur, einen oft strengen Gesichtsausdruck, hohen Hals und eine sehr gerade Haltung, die durch das Tragen eines Korsetts unterstützt wird. Eine große Oberweite wurde bevorzugt, und obwohl es für Mädchen immer noch beliebt war, ein wenig weich und rund auszusehen, begann der Trend zu einem dünneren Ideal. Es handelte sich jedoch um einen weiteren Schönheitsstandard, der durch die Idee eines Mannes erfunden wurde und nicht von einer existierenden Frau inspiriert wurde.

Gibson Girls seaside, Charles Dana Gibson 1898, Quelle: Wikimedia

Die Goldenen 20er

Im 1. Weltkrieg wurden die Frauen als Arbeiterinnen in den Fabriken gebraucht, da die Männer auf den Schlachtfeldern Europas starben. Nachdem der Krieg beendet war, wollten diese Frauen ihre neu erlangte Unabhängigkeit allerdings nicht wieder hergeben, was sich in ihrem nun selbstbewussteren Umgang mit Mode und Schönheit wiederspiegelte. Der ideale Frauenkörper wurde männlicher, der kurvige, weibliche Look galt als out. Je dünner und knabenhafter desto besser, unterstrichen wurde das durch Kurzhaarfrisuren, die Röcke waren kürzer als je zuvor, damit sich Frauen bewegen, tanzen und endlich Spaß haben konnten. Doch es gab eine Kehrseite an der neu gefundenen Freiheit. Damit begann unsere moderne Besessenheit vom Gewicht und dem Streben nach dem perfekten, dünnen Körper.

Alice Joyce, 1926, Quelle: Wikimedia

Die Zeit des 2. Weltkrieges

Die Weltwirtschaftskrise Ende der 20er Jahre änderte alles – wieder einmal. Die meisten Frauen mussten um ihr Überleben kämpfen und konnten sich Anfang der 30er Jahre nicht allzu viel Gedanken um Mode und Körperform machen. Durch den Mangels an Ressourcen und der Rationierung während dem Zweiten Weltkrieg mussten Frauen mit ihren Kleidern kreativ werden. Sie arbeiteten Herrenanzüge in Damenkleidung um. Dies führte zu dem gepolsterten Schulter-Look (nicht ganz zum Extrem der 80er Jahre, aber nahe), wodurch eine scharfe Sanduhrfigur entstand. Frauen wollten nicht mehr schlank aussehen, der üppige, wohlgenährte Körpertyp kam wieder in Mode. Nicht ganz so üppig wie in den Jahrhunderten zuvor, dafür wirkte die Mode der 20er Jahre immer noch nach. Man wollte gesund aussehen.

Margate Beach, 1945, Quelle: Flickr

Die 50er bis 80er Jahre

Die Nachkriegszeit brachte einen weiteren Wandel. Das ideale Frauenbild wurde nun durch den Siegeszug des Fernsehens befördert, Trägerinnen waren Filmstars wie Marilyn Monroe. Nicht zu schlank, aber auch nicht zu dick, große Brüste, schlanke Taille und ein ausgeprägter Hintern wurde zum Ziel jeder Frau, erreicht wurde dieses Ideal jedoch von den Wenigsten. Die Mode begann immer schneller zu wechseln, auf eine Marilyn Monroe mit ihren Kurven folgten wiederum dünnere Frauentypen, die Mode wurde abwechslungsreicher, große Modeagenturen gewannen immer größeren Einfluss auf das Frauenbild. Je wohlhabender eine Gesellschaft wurde, umso dünner war das Idealbild der Frau.

Marylin Monroe, The Prince and the Showgirl,

80er und 90er Jahre

In den 80er Jahren begann dann die Supermodel-Ära. Frauen sollten gebräunt, groß, dünn, aber leicht sportlich sein. Die Hüften wurden viel kleiner, obwohl große Brüste immer noch im Trend waren. Frauen wurden mehr von Models als von Schauspielern für Mode- und Körpertrends beeinflusst.

Gerade als es schien, der ideale Körper könnte nicht mehr dünner werden, kamen die 90er. Kate Moss erschien auf den Laufstegen und wurde als “dünnstes Model aller Zeiten” gefeiert. Das Model mit einem BMI von 16 und dem berühmten “Heroin-Chic”-Look wurde populär. Ziemlich bedenklich, dass sowohl in den 90ern als auch in der viktorianischen Ära das Idealbild einer Frau einer Sterbenden ähnelte.

Fashion Shown, Quelle: Flickr

Und heute?

Heute beginnen mehr und mehr Medien, im Gegensatz zur mittlerweile “alten” Mode-Industrie, die Rassen- und Körpertypenvielfalt zu feiern. Selbst auf den großen Laufstegen beginnen die Frauen wieder “normal” auszusehen, d.h. der breiten Masse der tatsächlichen Frauen zu entsprechen. Es ist noch ein weiter Weg, um unsere Gesellschaft von den Zwängen der Modeindustrie und den Vorgaben durch allerlei Medien zu befreien, doch der Trend geht eindeutig hin zu einer Normalisierung des Frauenbilds und einer generellen Akzeptanz des eigenen Aussehens. Es gibt zwar immer wieder den ein oder anderen Designer, der oder die versucht mit alten Frauenbildern zu schockieren, aber es werden weniger, und das ist auch gut so.

Das Wichtigste, das heute keine Frau mehr vergessen sollte ist, dass die meisten historischen Maßstäbe für Schönheit auf Zeichnungen, Gemälden und der Phantasie von Männern beruhen. Die Gefahr unserer Zeit ist allerdings, daß durch Computerprogramme wie Photoshop wieder unerreichbare Idealbilder erschaffen werden, meistens wieder durch Männer, denen vor allem jugendliche Mädchen und Frauen mit geringem Selbstbewusstsein zum Opfer fallen. Man kann unmöglich einem fiktiven Kunstwerk oder einer meisterhaft veränderten Fotografie gerecht werden. Wenn Ihr Körper eben nicht “perfekt” ist, na und? Perfektion ist eine Illusion, die sich im Laufe der Zeit schon so oft gewandelt hat und immer schneller wandelt. Seien sie also glücklich mit dem Körper, den sie haben, denn morgen könnte schon wieder ein ganz anderes Idealbild im Trend sein. Das Leben ist zu kurz, um irgendwelchen Idealen hinterherzurennen. Geniessen sie es!

Quelle: Pixabay

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